Vaterunser

 

In jedem christlichen Gottesdienst wird das Vaterunser gebetet. Wir kennen es in folgendem Wortlaut (Matthäus 6,9-13 in der Luther-Übersetzung). Rot markiert ist das, was Matthäus über Lukas (siehe unten) hinaus überliefert:

 

Unser Vater im Himmel!

Dein Name werde geheiligt.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

[Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.]

Die Fassung des Lukas ist deutlich kürzer. Es fehlen die Teile, die in der Fassung nach Matthäus rot markiert sind.

Welches Vaterunser hat Jesus gebetet, das von Matthäus oder das von Lukas oder noch eine andere Fassung?

Der Theologe und Kenner des Aramäischen Günther Schwarz hat das Vaterunser in die aramäische Muttersprache Jesu zurückübersetzt und von dort aus dann ins Deutsche übertragen. Das Ergebnis:

 

Abba!

 

Deine Gegenwart - lass geheiligt werden!

   Deine Herrschaft - lass sich ausbreiten!

      Dein Wille - lass geschehen!

 

Lass geben uns unsere Nahrung!

   Lass vergeben uns unsere Sünden!

      Lass retten uns aus unsrer Versuchung!

 

Deutlich ist, dass es sich hier um eine poetische Form handelt. Zu Beginn steht die Anrede "Abba", dann folgen zwei Dreizeiler, die im Aramäischen mit verschiedenen Reimen kunstvoll gestaltet sind. Das lässt sich im Deutschen nicht nachahmen. In solch poetischer Sprache hat sich Jesus oft ausgedrückt.

 

Das vorausgehende "lass" ist unumgänglich. Denn Gott handelt nicht selbst, sondern lässt handeln. Gottes Handeln besteht im "Lassen" des Menschen. Erfährt der Mensch sich selbst als "Sohn" oder "Tochter" Gottes, wird sich all das ereignen, worum das Vaterunser bittet.

 

In der ersten Bitte ist nicht vom "Namen", sondern von "Gegenwart" die Rede. Denn der "Name" steht für diese Gegenwart und nur diese kann als "heilig" im Sinne von göttlich erfahren werden. In der zweiten Bitte geht es um die dieseitig im Hier und Jetzt  sich ausbreitende "Herrschaft" Gottes. Nach der dritten Bitte geschieht Gottes Wille dort, wo seine Gegenwart erfahren und geheiligt wird. In der vierten Bitte geht es nicht nur ums tägliche "Brot", sondern umfassend um Nahrung. Die Bitte "Führe uns nicht in Versuchung" wäre nur dann gerechtfertigt, wenn Gott der Versucher wäre. So aber hat ihn Jesus nicht verstanden.

 

Stattdessen kann man beten - und manche tun es bereits:

"Führe uns in der Versuchung" - statt: "Führe uns nicht in Versuchung."