Gottes Sohn

 

Kaum ein Wort über Jesus wird so missverstanden wie die Aussage, er sei "Gottes Sohn" gewesen. Leider bemühen sich die Kirchen nicht darum, das Mißverständnis zu korrigieren.

Dieses besteht darin, Jesus mit Gott auf eine Stufe zu stellen und den Titel "Sohn Gottes" so zu deuten, als habe sich Jesus selbst als Gott verstanden. Nie wäre ihm - einem Juden - das in den Sinn gekommen!

Jesus redete Gott vertraulich als "Abba" an. Da war es für ihn selbstverständlich, sich selbst als "Sohn" zu verstehen. Dabei sind und bleiben "Vater" und "Sohn" verschieden. Der Sohn ist lediglich dem Vater verwandt. Er ist von ihm "durchdrungen". Keineswegs aber wird der Sohn selbst zum Gott. Jesus ist  ganz und gar Mensch. Da er Gott zum "Vater" hat, ist er als Mensch zugleich auch "Sohn Gottes."

Aus dem Grund redete Jesus auch davon, dass alle Menschen "Kinder" oder "Töchter" und "Söhne" Gottes sind. Der Titel "Sohn Gottes" ist also keineswegs ihm allein vorbehalten. Er trifft auf alle Menschen zu. Das sind wir alle unserem Wesen nach.

Dieses würdevolle Bewusstsein, ein Mensch Gottes zu sein, kommt bei Jesus z.B. im folgenden Wort zum Ausdruck, mit dem er großen Anstoß erregte:

Jesus sagte zu den Schriftgelehrten: "Abraham wünschte mich zu sehen. Und er sah mich und freute sich." Sie erwiderten: "Du bist noch nicht 50 Jahre alt und Abraham hat dich gesehen?" Jesus entgegnete: "Bevor Abraham war, war ich." Da hoben sie Steine auf, um auf ihn zu werfen.      Johannes 8,56-58

Jesus spielt hier auf auf den geheimnisvollen Besuch der drei Männer im Hain von Mamre an (1. Mose 18,1-16). Er sagt nicht weniger als dass er selbst einer dieser Besucher war. Auf den Einwand, er sei ja noch keine 50 Jahre alt, antwortet er gelassen mit dem Hinweis, dass er vor Abraham war. So redet ein Mensch, der sich ganz und gar verwandt mit Gott weiß.

In diese Selbstwahrnehmung lädt er uns alle ein. Seine Gegner konnten das aber nur als Gotteslästerung verstehen. Die spätere Entwicklung der kirchlichen Lehre hat nur Jesus den Titel "Sohn Gottes" vorbehalten und machte aus ihm einen "Erlöser" und "Heiland". Die Menschen aber bleiben nach diesem Verständnis ihrem Wesen nach "Sünder", die der "Erlösung" und "Rettung" durch den Jesus-Gott bedürfen.