Abba - Vater

 

Die Gottesanrede Jesu - "Abba" -  war für damalige Ohren ungeheuerlich. Es handelt sich um eine vertrauliche, fast intime Anrede, so ähnlich wie ein Kind Vater oder Mutter mit einem Kosenamen anredet. Dies ist so ungewöhnlich, dass man mit Recht sagen kann: hier begegnet uns die originale Stimme Jesu.


Die Gottesanrede "Abba" unterscheidet sich von den unterwürfigen Anreden, mit denen man im alten Orient den Herrschern und Mächtigen begegnete. Sie wurden wie Götter verehrt. Nicht so Jesus. "Abba" ist für ihn so etwas wie ein väterlicher und sehr vertrauter Freund. Jesu Verhältnis zu "Abba" unterscheidet sich auch deutlich von den Gottesanreden religiöser Menschen, die in ihm einen unnahbaren Herrscher und distanzierten Schöpfer der Welt sehen, der den Menschen Gebote und Verhaltensregeln auf den Weg gibt.


Zur Zeit Jesu war das persönliche und das öffentliche Leben von religiösen Regeln und Vorschriften stark durchdrungen. Besonders deutlich wird das am Beispiel des Sabbatgebots, das Jesus nach Meinung seiner Gegner mehrfach verletzt hat.


Ganz anders Jesus: Autoritäten und Vorschriften sind für ihn zweitrangig und haben immer dem Menschen zu dienen, nicht umgekehrt. Wichtiger als solche Äußerlichkeiten sind ihm die vertrauensvolle Beziehung zu "Abba" und eine Freiheit, die über das Gesetz weit hinausgeht.


Bezeichnend für Jesu "Abba" ist dieses Wort aus Matthäus 7,11 (Rückübersetzung ins Aramäische nach Günther Schwarz): Wenn sogar ihr wisst, euren Kindern gute Gaben zu geben - um wie viel mehr weiß Abba seinen Kindern gute Gaben geben zu lassen!

 

Jesus spricht hier von dem Wunsch jeder Mutter und jedes Vaters, ihren Kindern "gute Gaben" zu geben - alles, was man zum Leben braucht. Diese menschliche Erfahrung überträgt Jesus auf die Beziehung zwischen Gott und Mensch und nennt die Menschen "Kinder" Gottes, denen der göttliche "Abba" ebenso Gutes geben lassen will, wie das menschliche Mütter und Väter ihren Kindern gegenüber wollen.

 

Als "Herzstück" der jesuanischen Gottesrede darf man wohl das Gleichnis vom "verlorenen Sohn" bezeichnen, nach Lukas 15, 11-32. Hier stellt Jesus mit dem Lebensweg des jüngeren Sohnes den Werdegang aller Menschen dar: zuerst ihre Erfahrung, getrennt zu sein vom göttlichen Grund der Liebe und in Gottferne zu leben, dann ihre Rückreise zu Gott und ihre Aufnahme in die "Gottesherrschaft". So menschlich hatte noch nie jemand über Gott gesprochen.

 

Im späteren Christentum ist es nicht bei dieser Art des Verhältnisses zu Gott geblieben. Nachdem es Staatsreligion geworden war, setzte sich wieder die alte "Herrlichkeit" der Machthaber durch und färbte auf das Gottesbild ab. Nun wurde Gott wieder zum obersten Herrscher und Jesus zu seinem Adjutanten.